Sozio-Robotisches System im Praxistest – Projektentstehung, Chancen und Grenzen im Klinikalltag

Digitale Innovationen halten zunehmend Einzug in die Gesundheitsversorgung und verändern auch die Pflege – und wer könnte besser Ideen für diese Zukunft entwickeln als die Menschen, die schon selbst am Patientenbett stehen? Genau das war der Gedanke hinter einem gemeinsamen Projekt der Universität Siegen und der Diakonie in Südwestfalen. Gemeinsam mit den lokalen Pflegeschulen entstand das Projekt „Zukünftige Berufswelten in der Pflege – Deine Ideen“, bei dem Pflegeschülerinnen und Pflegeschüler eigene Zukunftsszenarien für die Pflege entwickeln konnten.

Insgesamt nahmen vier Pflegeschulen, fünf Dozierende sowie 22 Auszubildende teil. Unterstützt von Forschenden aus den Bereichen Wirtschaftsinformatik und Neue Medien überlegten sie, wie digitale Helfer den Alltag in der Pflege erleichtern könnten. In Workshops wurden aktuelle Herausforderungen gesammelt, Zukunftsbilder entworfen und anschließend in kleinen Prototypen und Erzählungen – sogenannten „Care Fictions“ – umgesetzt.

Ein besonders anschauliches Beispiel stammt vom Pflegebildungszentrum der Diakonie: Gemeinsam mit ihren Pflegepädagoginnen entwickelten Auszubildende das Szenario „Digitale Unterstützung für Orientierung und Navigation im Krankenhaus“. Die Idee: Ein Roboter begleitet Patientinnen und Patienten durch das Krankenhaus, weist ihnen den Weg zu Untersuchungen oder Behandlungen und unterstützt damit Abläufe, in denen viele Mitarbeitende und Abteilungen involviert sind. Gleichzeitig entlastet er das Pflegepersonal, das so mehr Zeit für die eigentliche Betreuung der Menschen hat.

Zum Abschluss stellten die Projektgruppen ihre Ergebnisse nicht nur in den Schulen, sondern auch öffentlich vor – mit Gästen aus Politik, Angehörigen und Interessierten. Damit wurde deutlich: Pflege ist ein Beruf mit Zukunft, in dem digitale Innovationen eine wichtige Rolle spielen werden. Und die kommenden Fachkräfte im Kreis Siegen-Wittgenstein sind bestens vorbereitet, diese Zukunft aktiv mitzugestalten.

Ergebnisse und Perspektiven für die Pflegepraxis

Ein Pilotversuch am Jung-Stilling-Krankenhaus der Diakonie in Südwestfalen erprobte anschließend den Serviceroboter Temi im Klinikalltag. Über einen Zeitraum von zehn Tagen begleitete er Patientinnen auf einer gynäkologischen Station beispielsweise bei der Aufnahme oder auf dem Weg ins Arztzimmer – mit dem Ziel, das Pflegepersonal zu entlasten.

Die Reaktionen der Patientinnen waren überwiegend positiv: Viele zeigten sich neugierig, lobten den Einsatz als „super“ oder „richtig gut“ und verabschiedeten sich am Ende sogar persönlich bei Temi. Auch Angehörige waren interessiert und hielten den Einsatz des Roboters fotografisch fest.

Das Pflegepersonal sah sowohl Chancen als auch Grenzen. Besonders positiv hervorgehoben wurde Temis ruhige und gleichmäßige Art der Kommunikation sowie sein Potenzial, Routineaufgaben zu übernehmen und so Zeitressourcen freizusetzen. Gleichzeitig wurde deutlich: Bestimmte Aufgaben – etwa der Umgang mit komplexen emotionalen Situationen – bleiben weiterhin klar in menschlicher Hand. Während einige Pflegekräfte Temi als „frischen Wind“ erlebten, äußerten andere zunächst Skepsis. Mit zunehmender Erfahrung zeigte sich jedoch: Der Roboter ist keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung – und genau so soll er verstanden werden.

Technische Herausforderungen und Entwicklungspotenzial

Wie bei vielen neuen Technologien zeigte sich in der Praxis, dass noch nicht alles reibungslos funktioniert. Temi konnte beispielsweise Türen nicht selbstständig öffnen und benötigte teilweise Unterstützung bei der Navigation oder Darstellung von Texten. Auch die stabile Internetverbindung spielte eine wichtige Rolle für seine Einsatzfähigkeit. Diese Punkte verdeutlichen, wo das System noch verbessert werden kann.

Statt als Mängel wurden diese Erfahrungen von den Beteiligten jedoch als wertvolle Hinweise gesehen: Sie zeigen, worauf es bei einer Weiterentwicklung ankommt – etwa mehr Benutzerfreundlichkeit, höhere Zuverlässigkeit und eine noch stärkere Anpassung an die Bedürfnisse von Patientinnen und Pflegepersonal.

Für die Zukunft wird entscheidend sein, die technische Stabilität weiter zu erhöhen und die Interaktion an den Klinikalltag anzupassen – etwa durch langsamere Fahrgeschwindigkeit, visuelle Unterstützung oder mehrsprachige Bedienoptionen. Gelingt dies, könnte Temi tatsächlich einen wichtigen Beitrag leisten: als verlässlicher Helfer für Routinetätigkeiten, der Pflegekräfte unterstützt, ohne das persönliche Verhältnis zwischen Pflegenden und Patientinnen zu ersetzen.